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„O Bär“, sagte der Tiger, „ist das Leben nicht unheimlich schön, sag!“

„Ja“, sagte der kleine Bär, „ganz unheimlich und schön.“

(Janosch, Post für den Tiger)

Immer wenn ich Bären sehe, denke ich an Kanada. Und an Janoschs Geschichte „Oh wie schön ist Kanada“. Dabei heißt die Kindergeschichte anders, und es geht gar nicht um Kanada.  In Wirklichkeit heißt sie: „Oh wie schön ist Panama“. Aber dazu später.

„Wo der Bär den Honig holt“ heißt das Café meiner heutigen Wahl. Oft vorbeigegangen, nie reingegangen. Auch diesmal zögere ich. Es ist halb zehn morgens, und das kleine Kaffeehaus an der Florastraße in Pankow sieht leer aus. Ich habe mich getäuscht . Es gibt noch einen weiteren Gast. Einen schreibenden Gast. Dunkle Kleidung, schwarzer Bart, schwarze Mütze. Sogar das kleine Notizbuch, in das er handschriftlich schreibt, ist rabenschwarz.  Nachdenklich zupft er sich am fein gestutzten Bart. Dann macht er sich wieder Notizen. Und wieder: Bartzupfen, innehalten, schreiben.

Ein vorbeidüsendes Flugzeug reißt mich aus meiner Beobachtung. Ich sehe nach draußen, doch meine Augen finden den Flieger nicht. Stattdessen nehmen sie ein Stück vom novembergrauen Himmel wahr. Autos brausen auf und rauschen wieder ab, die Kaffeemaschine zischt. Aber in diesem kleinen Café habe ich das Gefühl, mich kurzfristig in einer Bärenhöhle verkrochen zu haben. An den Wänden hängen Illustrationen von Bären, selbst auf dem Kleiderhaken thront ein Braunbär.  Die Wände sind teils honiggelb, teils  schlammgrau. Die Lampen und Möbiliar sehen aus, als hätte Adenauer sie im Wohnzimmer gehabt. Dazwischen zwei Kinoklappstühle. Retro-Style aus dem vergangenen Jahrhundert, irgendwo in den 1950ern angesiedelt.

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Es gibt Frühstück à la carte, hausgmachte Kuchen, Quiches und Suppen. Ob ich mal am „Bärentrunk“ nippen sollte? Das ist Kräutertee mit Zitrone, Ingwer und Honig. Passend zur Jahreszeit. In der Zwischenzeit bestellt der melancholische Notizbuchschreiber eine heiße Schokolade. Auch eine Variante. Sein Deutsch hat einen deutlichen Akzent, zwischendurch redet er in glasklarem, amerikanischem Englisch. Oder klingt es doch nach kanadischem Englisch? So fein sind meine Ohren leider nicht.

Oh Canada. Ahnte ich, dass mich mich dieses Café ein bisschen wehmütig stimmt? Dass es mich an die rauschenden Wälder von Novia Scotia und die saftigen Wiesen von Prince Edward Island erinnert? Es ist Jahrzehnte her, dass ich ein Jahr lang in Kanada lebte. Anders als manch andere Kanadabesucher bin ich dort nie einem Bären begegnet.

 

Was mich wieder an Janoschs kleinen Bären und seinen Freund erinnert. Nachdem sie sich aufgemacht haben, um nach Panama, dem Land ihrer Träume zu gelangen, treffen sie auf die verschiedene, andere Tiere. Die meisten wissen nicht, wo Panama liegt. Einige geben ihnen falsche Richtungsangaben. So kommt es, dass die beiden Freunde im Kreis herumlaufen und schließlich wieder in ihrem alten Zuhause ankommen. In Panama sind sie nie gewesen. Wahrscheinlich auch nicht in Kanada.

Ich aber bin längst tief in kanadischen Wäldern angekommen und bestelle einen weiteren Kaffee.

Wo der Bär den Honig holt

Florastraße 37

13187 Berlin

 

 

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